Wenn aus Gewohnheit Abhängigkeit wird

Sucht ist mehr als nur ein exzessives Verlangen – sie ist eine ernstzunehmende Erkrankung, die das Leben der Betroffenen und ihres Umfelds tiefgreifend verändert. Ob Alkohol, Medikamente oder Verhaltensweisen wie Glücksspiel und exzessives Arbeiten – Sucht entsteht schleichend und ist oft schwer zu durchbrechen.

Helsana und Forel Klinik

Der Helsana-Ratgeber ist in Zusammenarbeit mit der Forel Klink entstanden. Er bietet einen leicht zugänglichen Überblick über das Thema Sucht.
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Definition, Ursachen, Entstehung

Doch wie entwickelt sich eine Abhängigkeit? Welche Ursachen spielen eine Rolle, und welche Folgen hat sie? Auf dieser Seite erhalten Sie fundierte Informationen über Sucht, ihre Entstehung und ihre Auswirkungen. Ausserdem beantworten wir häufige Fragen zum Thema.

Definiert wird Sucht oder Abhängigkeit als das zwanghafte, unkontrollierbare Verlangen nach bestimmten Substanzen oder Verhaltensweisen. Die Substanzen oder Verhaltensweisen werden konsumiert beziehungsweise beibehalten, obwohl negative Konsequenzen für die betroffene Person und für andere damit verbunden sind. Merkmale des zwanghaften Suchtverhaltens sind u.a. Kontrollverlust, Toleranzbildung, Entzugserscheinungen, Wiederholungszwang und Abstinenzunfähigkeit.

Beispiele Substanzen:
Alkohol, Medikamente, Tabak, Cannabis, Kokain, Heroin

Beispiele Verhaltenssüchte:
Spiel-, Kauf- und Sexsucht sowie Essstörungen

Für die Entstehung einer Abhängigkeit sind zahlreiche Faktoren ausschlaggebend, die im Einzelfall zusammenwirken. Neben genetischen Veranlagungen sind zahlreiche soziale Faktoren wichtig, die im Laufe des Lebens auf eine Person einwirken. Vorgelebtes Suchtverhalten, Vernachlässigung, mangelnde Fürsorge, Misshandlungen, aber auch ängstlich-überbehütende Erziehung können sich ungünstig auswirken und Suchterkrankungen begünstigen. Bestimmte Eigenschaften der Persönlichkeit können die Entwicklung einer Sucht fördern: Tendenz zur Problemvermeidung, Selbstunsicherheit, Hemmungen, Unselbständigkeit, ungenügende Frustrationstoleranz, zu geringe oder zu starke Selbstkontrolle, Gefühlsverdrängungen, usw. Auch die aktuellen Lebensumstände, Stress, Belastungen tragen sehr viel zu einer Suchtgefährdung bei, z.B. Armut, Arbeitslosigkeit, fehlende Zukunftsperspektiven, hoher Leistungsdruck, Beziehungsschwierigkeiten, Einsamkeit, Verlusterlebnisse, Gewalterfahrungen.

Sucht, oder auch Abhängigkeit, ist eine Erkrankung, die sich schleichend entwickelt. 
Alkohol, chemisch genauer «Ethanol» – ist in unserer Gesellschaft aufgrund seiner schnellen Wirkung, die von den meisten Menschen als entspannend und belohnend empfunden wird, allgegenwärtig. Unangenehme Gefühle wie Zweifel, Ängste und Scham schwächen sich ab, das Denken verlangsamt sich und lästiges Gedankenkreisen, Sorgen über alltägliche Probleme oder aufdringliche Erinnerungen an belastende Erfahrungen rücken angenehm in den Hintergrund. Es ist also nicht verwunderlich, dass sich die Konsumgewohnheiten von Alkohol leicht verselbstständigen und ausser Kontrolle geraten.
Eine Abhängigkeit von Medikamenten beginnt meist nach einem Auslöser, der die Verschreibung des Medikaments aus ärztlicher Sicht erforderte, z.B anhaltende Schmerzen nach einem Unfall oder chronische Schlaflosigkeit bei schweren seelischen Belastungen. Häufig tritt die Medikamentenabhängigkeit zusammen mit Alkoholmissbrauch auf, sie entwickelt sich aber schneller als die Sucht nach Alkohol.

Auswirkungen auf alle Bereiche der Betroffenen


Verhalten
  • häufige Räusche
  • Dosissteigerung
  • Alkoholvergiftung
  • morgendliches Trinken
  • Spiegeltrinken
  • heimlicher Konsum
  • erfolglose Abstinenzversuche
  • Behandlungen
  • Exzesse

körperlich
  • Entzugssymptome
  • Krampfanfälle
  • Krebsrisiko
  • Infektanfälligkeit
  • sexuelle Funktionsstörungen
  • Pankreatitis
  • Stürze
  • Leberschäden
  • Mangelernährung

sozial
  • Beziehungskonflikte
  • Schulden
  • Arbeitsplatzverlust
  • Führerscheinverlust
  • Straftaten
  • Wohnungsverlust
  • Verwahrlosung
  • sozialer Rückzug
  • Haftstrafen

psychisch
  • aggressive Entgleisungen
  • Selbstwertdefizite
  • Gefühlsschwankungen
  • Konzentrationsprobleme
  • Depression
  • Halluzinationen
  • Selbstmordgefährdung
  • Ängste / Panik
  • Eifersucht


FAQs

Häufig gestellte Fragen zum Thema Alkohol

Die Entwicklung einer Abhängigkeit von Alkohol verläuft in der Regel schleichend und bewegt sich zwischen riskantem über schädlichen Konsum bis zur voll ausgeprägten Abhängigkeitserkrankung.

Riskanter Konsum definiert sich dabei  über die – zu grosse – Menge an Alkohol, die konsumiert wird. Geschieht dies zu sporadischen Anlässen, spricht man von episodisch risikoreichem Konsum.
Wenn es häufig vorkommt oder auch kleinere Mengen mit sehr hoher Regelmässigkeit konsumiert werden, wird das als chronisch risikoreicher Konsum bezeichnet.
Die Grenze zur Abhängigkeit, also zur krankheitswertigen psychischen Störung, wird über Diagnosekriterien der Weltgesundheitsorganisation abgebildet. Als abhängigkeitskrank gilt eine Person, wenn sie über einen gewissen Zeitraum (einen Monat oder häufiger und kürzer während des zurückliegenden Jahres) drei oder mehr der folgenden Kriterien erfüllt: 

  • Kontrollverlust über Beginn, Ende und Menge des Konsums: Gemeint ist, dass Betroffene nicht mehr vollständig steuern können, wann sie Alkohol trinken bzw. wie viel sie bei einer Gelegenheit konsumieren.
  • Craving: Davon wird gesprochen, wenn bei Ausbleiben des Konsums äusserst starkes Verlangen entsteht, landläufig auch «Reissen» oder «Suchtdruck» genannt.
  • Toleranzentwicklung: Beschreibt die Gewöhnung des Stoffwechsels an die regelmässige Aufnahme von Alkohol, in deren Folge grössere Mengen konsumiert werden müssen, um die gleiche Wirkung wie früher zu erzielen.
  • Entzugssyndrom: Bei Beendigung des regelmässigen Konsums entstehen körperliche und psychische Entzugssymptome wie Unruhe, Anspannung, Zittern, Übelkeit, Durchfall, Reizbarkeit, Aggressivität oder hohe Blutdruckwerte.
  • Einengung auf den Konsum: Abhängige Betroffene konzentrieren sich nach einer gewissen Zeit besonders auf die Beschaffung, den Konsum oder die Erholung vom Konsum der Suchtmittel.
  • Fortsetzung trotz eindeutig schädlicher Folgen: Sind bereits negative Konsequenzen aus dem Konsum entstanden, wie beispielsweise Konflikte in der Ehe oder am Arbeitsplatz, gesundheitliche Folgen oder juristische Probleme wie Fahrausweisentzug, und wird er trotzdem fortgesetzt, ist das ein weiteres starkes Signal für einen problematischen Konsum oder gar eine Abhängigkeitserkrankung.

Je mehr dieser Kriterien erfüllt sind, umso schwerer ist die Abhängigkeitserkrankung.

Nach heutigem Kenntnisstand gibt es keine gesundheitlich unbedenkliche Alkohol-Untergrenze. Insbesondere für ungeborene Kinder hat Alkohol selbst in geringen Mengen schädigende Auswirkungen.
Früher hat man als Richtwerte für die Grenze zum schädlichen Gebrauch folgende Grenzwerte genannt: 

  • Männer: max. 2 Standardgetränke pro Tag, nicht an 7 Tagen pro Woche, sondern mind. 2 trinkfreie Tage.
  • Frauen: max. 1 Standardgetränk pro Tag, nicht an 7 Tagen pro Woche, sondern mind. 2 trinkfreie Tage.

Berechnung: 1 Standardgetränk (= ca. 12 g reiner Alkohol) entspricht 3 dl Bier oder 1 dl Wein oder 2 cl Spirituosen.

Ja, Alkohol ist grundsätzlich ein Zellgift und in jeder Dosierung schädlich für den Organismus. In geringen Mengen kann er jedoch im Vergleich zu anderen ungesunden Stoffen wie Nikotin, gesättigten Fettsäuren, raffiniertem Zucker oder Lebensmittelzusatzstoffen betrachtet werden. Viele Menschen konsumieren alkoholische Getränke aufgrund ihres Geschmacks sowie der entspannenden oder belebenden Wirkung.

Biologisch bedingt sind Frauen anfälliger für alkoholbedingte Schädigungen als Männer. Besonders riskant ist der Alkoholkonsum in bestimmten Situationen – selbst in geringen Mengen –, etwa während der Schwangerschaft, bei Kindern oder in Kombination mit Medikamenten, da Wechselwirkungen auftreten können.

Schätzungsweise zwei Drittel der Alkoholabhängigen in der Schweiz sind Männer. Sie konsumieren mehr alkoholische Getränke als Frauen und berauschen sich öfter damit. Die Schweiz verzeichnet mehr als doppelt so viele abstinente Frauen als abstinente Männer.

Frauen vertragen den Alkohol weniger gut als Männer, weil sie weniger Körpervolumen haben und weil der Abbau von Alkohol bei Frauen langsamer erfolgt als bei Männern. Besondere Risiken bestehen für schwangere Frauen, denn Alkohol oder andere Drogen können den Fötus schädigen. Die Schätzungen für das Vorkommen eines Fetalen Alkoholsyndroms beträgt für die westlichen Industriegesellschaften etwa 0.5 bis 2 Fälle pro 1000 Neugeborene und liegt damit wesentlich höher als etwa beim Down-Syndrom (Trisomie 21). Das Risiko für eine alkoholabhängige Frau, welche während der Schwangerschaft stark trinkt, ein Kind mit einem Fetalen Alkoholsyndrom zur Welt zu bringen, wird auf ca. 30 bis 40% geschätzt.

Beim Konsum psychoaktiver Medikamente ist die Situation umgekehrt: Frauen greifen häufiger zu Schlaf-, Schmerz-, Beruhigungs- oder stimulierenden Mitteln als Männer.

Alkohol schädigt potenziell alle Organe und verursacht oder verstärkt eine Vielzahl von Krankheiten. Daneben begünstigt Alkoholkonsum das Auftreten von Unfällen aller Art, von Gewalt im familiären und zwischenmenschlichen Bereich sowie von suizidalen Handlungen. Sehr gross sind zumeist auch die sozialen Auswirkungen des übermässigen Alkoholkonsums wie Beziehungsabbrüche, soziale Isolation, beruflicher Misserfolg, Arbeitslosigkeit, sozialer Abstieg bis hin zur Obdachlosigkeit. Man kann unterscheiden zwischen akuten und langfristigen Folgen, welche sich im körperlichen, psychischen und sozialen Bereich zeigen können. Bei praktisch allen Organsystemen geht die Wissenschaft von einer schädigenden Wirkung von Alkohol aus. Zusätzlich treten oft psychische Störungen wie Depression und schwerwiegende soziale Beeinträchtigungen wie Arbeitslosigkeit oder der Verlust der Familie auf.

Übermässiger und regelmässiger Alkoholkonsum beeinträchtigt das Zentralnervensystem und kann das Gehirn irreversibel schädigen. Eine dauerhafte Schädigung, wie die Schrumpfung des Hirngewebes, kann zu Gedächtnisstörungen, eingeschränktem Gedankenfluss, verminderter Abstraktionsfähigkeit, Konzentrationsproblemen und allgemeiner geistiger Leistungsfähigkeit führen. Zudem sind Antriebslosigkeit, reduzierte Lebensfreude sowie emotionale Wechselhaftigkeit oder Abstumpfung häufige Folgen.

«Kontrolliertes Trinken» ist die Orientierung an einem vorgängig erstellten Plan und dazugehörigen Regeln hinsichtlich des Alkoholkonsums. Die Anzahl alkoholfreier Tage, die maximale Konsummenge an Trinktagen sowie der maximale Gesamtkonsum in der ganzen Woche werden in der Regel im Voraus festgelegt. Dazu sind auch die Begleitbedingungen zu bedenken: Ab welcher Zeit und wo trinke ich, wer ist dabei und wer nicht («Trinkkumpane»)? Das Trinktempo (1-2 Gläser pro Stunde) und die Stimmung («nicht in depressiver Stimmung») sind festzulegen. 
Verhaltenstherapeutische Behandlungen zum selbstkontrollierten Trinken (KT) wurden intensiv erforscht und zeigen sich als wirksame Methode zur Reduktion des Alkoholkonsums sowie zur Förderung des Übergangs zur Abstinenz. KT basiert auf Lerntheorien und der Psychologie der Selbstregulation, wobei moderne Ansätze wie Behavioral-Self-Control-Trainings frühere Methoden ersetzt haben. Studien belegen eine gute kurz- und langfristige Wirksamkeit, wobei der Zielentscheid des Patienten und seine Zuversicht zentrale Prognosefaktoren sind. Angesichts der nachgewiesenen Effektivität sollte KT gleichwertig neben Abstinenzbehandlungen in ein zieloffenes Behandlungssystem integriert werden.

Der Entzug ist immer mit dem Schweregrad der Abhängigkeit verknüpft und mit der körperlichen Entgiftung nicht erledigt. Alkoholsucht hängt mit Krisensituationen und Problemen zusammen und fordern eine Aufarbeitung ohne Alkohol. Onhe therapeutische Unterstützung ist das für Betroffene im Alleingang nur schwer zu schaffen. Die Forel Klinik empfiehlt fachliche Hilfe für den nachhaltigen Ausgleich solcher Defizite. Je früher Betroffene sich Hilfe suchen, umso besser ist die Prognose auf eine nachhaltige Genesung.